Dansa de la Mort de Verges

Ostern und die Semanta Sana, die heilige Woche, wird in Spanien ausgiebig gefeiert. In vielen Orten ziehen am Gründonnerstag oder Karfreitag Prozessionen durch die Straßen, um an das Leiden Christi zu erinnern und für begangene Sünden zu büßen. Die Teilnehmer gehören unterschiedlichen Gruppen und Bruderschaften an, kenntlich durch verschiedenfarbige Gewänder, es gibt Soldaten und Musikkapellen, die einen tragen Kerzen, andere Kreuze oder ziehen einen Wagen, auf dem eine Szene mit biblischem Motiv aufgebaut ist. Um anonym zu bleiben, tragen die Büßer spitze kegelförmige Mützen mit Gesichtsmaske, lediglich Schlitze für die Augen sind ausgespart, wie der KuKluxKlan, ihr wisst schon ...

Eine Besonderheit in Verges, einem kleinen Ort in der Nähe von Girona, ist der Totentanz, bei dem als Gerippe verkleidete Tänzer den Zuschauern Uhr, Sense und Spiegel vorhalten, um an die eigene Vergänglichkeit zu erinnern. Der Dansa de la Mort ist für ganz Spanien einzigartig und weit über Katalonien bekannt – erstaunlich, dass es nicht noch voller ist.

Wie immer fängt es spät an. Als wir gegen 20 Uhr ankommen, ist die zum Parkplatz umfunktionierte Wiese schon gut gefüllt und alles strömt in die höher gelegene kleine, enge Altstadt. Um 22 Uhr soll es losgehen, um 21 Uhr kriegen wir am Einlass zum oberen Altstadtbereich verklickert, dass man dieses Jahr wegen des großen Andrangs zum ersten Mal den Marktplatz abgesperrt und Eintrittskarten verkauft hätte. Dass das nirgendwo erwähnt wurde, ist auch egal, weil das Spektakel nach 10 Minuten ausverkauft war. Es sei aber kein Problem, da nach dem Passionsspiel der Umzug durch die ganze Stadt ginge, so ab 0 Uhr.  

Der Ort gerät in Stimmung, in jedem Hauseingang werden Getränke verkauft, es gibt Bier und heiße Schokolade, Süßes und Salziges zu essen, Schokototenköpfe und Schmalzteigkugeln, die Fackeln werden entzündet, die Beleuchtung auf Schwarzlicht gedimmt, der Mond bringt sich in Stellung.

Wir holen uns nochmal wärmere Klamotten und Sitzkissen, schlau gell, und stromern noch ein wenig durch den freien Teil der Altstadt. Im Organisationsbüro, an dem wir zufällig vorbeikommen, erklärt uns ein engagierter älterer Herr, dass das ganze Dorf an der Aufführung beteiligt sei, seine Familie sowieso auch seit Generationen, und wir uns am Besten einen Platz in der engsten Straße suchen sollen, weil diese als einzige mit hunderten Kerzen illuminiert werden würde. Dort soll die Prozession so gegen 1 Uhr vorbeikommen. Ah.

Wir passieren noch eine Hundertschaft wartender römischer Soldaten, die sich gerade anschickt, oben am Marktplatz mitzumischen, dann müssen wir auch schon unseren Platz in der schmalen Gasse sichern. Es ist recht frisch und langsam steigt die Kälte die Beine hoch, aber es ist ja immerhin bald 23 Uhr. Um 1 Uhr bin ich stocksteif gefroren und Elle schon mal eingenickt. Die Prozession verspätet sich ein wenig, gegen halb zwei werden Kerzen verteilt, mit denen wir die dicken ölgetränkten Dochte in den muschelförmigen Leuchter anzünden sollen, und als die Gasse von hunderten Lichtern beleuchtet wird, hat sich das Warten gelohnt.

Die Prozession – angeführt von einem alten Mann, barfuß und in Lumpen, der murmelnd und mahnend zur Buße auffordert – schwankt zwischen mystisch und kitschig und man merkt dem ein oder anderen Teilnehmer an, dass er – nach immerhin 4 Stunden stehen und marschieren in leichter Garderobe bei 6 Grad – langsam nach Hause möchte. Die Kinder im Kapuzenkleid zerren sich ihre Augenschlitze passend und achten brav darauf, sich mit ihren Kerzen nicht gegenseitig abzufackeln, die Soldaten mit nackten Armen und Beinen in Riemchensandalen geben sich martialisch, die Kreuzträger schleifen buckelnd schweres Holz und die breiten Wägen passen gerade eben so durch. Am Ende kommen die Totentänzer. Hoch konzentriert absolvieren sie in Kreuz-Formation ihren Tanz, der Figur und Größe nach auch Kinder, springen auf der Stelle, drehen sich, fixieren die Zuschauer, schwenken die Todesflagge und das Geräusch ihres angestrengten Atmens nach stundenlangem Tanzen klingt wie eine Vorwegnahme des letzten eigenen Atemzugs.

Dieser wird kommen und zwar recht schnell, wenn wir uns nicht bald aufwärmen. Die Zuschauer zerstreuen sich langsam, es ist kurz nach 3 Uhr, aber Elle hat gelesen, dass oben an der Kirche noch die Kreuzigung folgt. Ich kann es mir nicht vorstellen, aber immerhin hat Jesus in der Prozession sein Kreuz an uns vorbeigetragen, also schauen wir nach. Und wahrlich, gerade als wir ankommen, wird das Kreuz mit dem daran hängenden Heiland aufgestellt. Dieser hat zwar ein paar Speckröllchen (warum auch nicht), hängt aber tapfer nackt in der eiskalten Nachtluft, während unter ihm Soldaten, Pharisäer und Maria Magdalena ihren Auftritt haben. Dann flammen links und rechts vom Kreuz zwei Leinwände auf und nun wird Verges zu Hollywood. Eine monströs orchestrierte Fassung des Stabat Mater läuft zu einem wilden Zusammenschnitt der Schrecken des 20. Jahrhunderts, vom 1. Weltkrieg über Nazigräuel, Vietnam und Balkankrieg. Das nenne ich mal ein Grande Finale, aber gut, die Leute haben lange ausgeharrt und sollen für ihre Ausdauer was geboten kriegen. Gegen 5 Uhr sind wir im Bett, fix und fertig und mit starren Gliedern. Mit Schrecken fällt mir ein, dass schon pronto, will heißen in 8 Stunden, die nächste Prozession in Girona stattfindet.

Irgendwann wird uns warm und wir verschlafen, wie sich der riesige Parkplatz leert. Zum Morgen scheint die Sonne heizend und versöhnlich in die übrig gebliebene Camper-Ecke – auf nach Girona, wir wollen nochmal.

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