Redundanz im Karussel

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Unser Freund Sven hat uns eine Mail geschrieben. Und uns erinnert, dass wir Anfang des Jahres im Blog angekündigt hatten, mehr Relevantes und weniger Redundantes zu verfassen und er wünscht sich, dass wir mehr erzählen, was uns beschäftigt, was das Reisen mit uns macht. Erst dachten wir, oooch! Hast du wirklich alles gelesen? Steht doch drin, irgendwie. Aber unabhängig voneinander verbrachten wir den Tag mit der Formulierung einer Antwort, da hatte der Allgäuer wohl einen Nerv getroffen, oder zur richtigen Zeit geschrieben – es war einer dieser schwierigen Tage.

Denn er hat recht. Dass die Umsetzung unserer Ankündigung nicht so geglückt ist, wie gedacht, hat verschiedene Gründe. Was hier nun als Betrachtung folgt, erklärt zum einen, was mich so umtreibt unterwegs, zum anderen, dass es mich dann vor lauter Gedankenkarussel davon abhält, essentielle Einträge zu verfassen.

Denn: Was treiben wir hier eigentlich? Fragen wir uns öfter mal. Natürlich vor allem, wenn mal wieder was nicht klappt, also das Wetter nicht mitspielt, eine Straße gesperrt ist, der Platz eine Enttäuschung ist, die Lokale und Läden geschlossen haben. Dann fragen wir uns, wieso wir nicht in Berlin sind, wo die Wohnung schön und es seit Wochen warm ist, wir ein sauberes Klo haben, schnelles Wlan, jederzeit duschen und rund um die Uhr einkaufen und essen können.

Doch die Frage stelle ich mir dummerweise auch, wenn ich an einem Traumstrand sitze und trotzdem nicht froh bin, oder mir nicht leicht ist, obwohl ich über eine Bergwiese laufe (und die sind mir echt die liebsten!). Immer wieder ertappe ich mich auch in den schönsten Augenblicken bei der Frage meiner Selbstdefinition. Was mach ich hier, wie nenn ich das, was tu ich – im Sinne von produktiv-sein. Ja, die moralische Instanz der Leistungserbringung. Da grübelt immer wieder das "darf ich das"? Dann vergleiche ich mich, betrachte andere Reisende, Rentner, die das "dürfen", Urlaubende, die "berechtigt" Zeit raushauen. Und dann fehlen mir Gleichgesinnte. Da wünsche ich mir andere, die auch so leben und nicht in Rente sind.

Also was treiben wir, was treibt uns an? Wir machen nicht Urlaub, müssen uns nicht erholen, müssen auch nicht spezielle Länder erkunden, sind keine Surfer, Biker, Kletterer, Bergsteiger, reisen nicht der Kunst und Kultur wegen, laufen vor nichts weg, brauchen keine Abwechslung vom Alltag, fliehen keine Menschen oder unangenehmen Umstände. Wir sind noch nicht mal ordentliche digitale Nomaden, dafür arbeiten wir zu wenig. Wir schreiben einen Blog, ok, aber das ist ja weder Arbeit (im Sinne von Lohnempfang) noch ist es der Reisegrund, sondern fungiert als Dokumentation. (Obwohl es zeitlich – Bilder hochladen, Texte verfassen – und logistisch – gutes Netz finden und genug Datenvolumen haben – durchaus zu einem Treiber wird.) Wir verfolgen unsere Projekte weiter, haben aber – aus den gleichen Gründen – nicht jeden Tag die Möglichkeit dazu.

Wir sind also nichts davon, Fahrende ohne richtigen Titel. Wir reisen einfach herum, weil wir gern unterwegs, gern in der Natur sind, gern in neuer Umgebung, neugierig sind auf andere Lebensmodelle und uns die Zeit dafür nehmen können. Und weil wir ausprobieren wollen, wieviel Unterschied es gibt zwischen daheim und unterwegs beim Denken, Arbeiten, Ideen schmieden, Projekte verfolgen. Und im Grunde ist alles erledigt an Auftrag, sobald man sich hinters Steuer gesetzt hat und aus Berlin raus ist.

Doch zwischendurch reicht mir das nicht. Vor allem, wenn nichts passt. Dann vermisse ich ein konkretes Vorhaben, hätte gern mehr Mission, als meine Ideen im Ausland und nicht im Inland zu sortieren, und dabei dem guten Wetter zu folgen – denn das übernimmt schnell als Leitmotto.
Auch das beschäftigt mich dann: ich mache keinen Urlaub, bin ich also unabhängig vom Wetter? Regen ist oft einfach nur unpraktisch, aber ja nicht schlimm. Dafür kann ich untersuchen, was ein Ort bei bewölkter Stimmung zeigt, was bei Sonnenbeleuchtung, wie es Einfluss nimmt auf unser Tun, unsere Empfindung und unsere Reiselust. Aber brauchen wir die? Wir können ja auch heimfahren.

Was wir uns durchaus überlegt haben – und wären wir nicht in Valencia verabredet gewesen, wer weiß …

Denn die viel zu kalten ersten Wochen unserer Reise waren angestrengend. Kälte macht ja eher verkrampft als locker. Sich für die Nacht in Schichten wickeln, die noch graue Landschaft um sich, die Orte noch zugeschlossen, die Menschen unsichtbar, niemand sitzt auf Plätzen, keine Insekten summen herum – das ist kein Selbstläufer, ist nicht einladend, da muss man richtig wollen, da darf kein Zweifel nagen.

Denn klar nimmt das Wetter Einfluss, wir sind dem viel zu sehr ausgesetzt. Manchmal ist es praktisch, wenn einen die Bewölkung an den Rechner schickt und nicht auf den Wanderweg, doch wenn dann das schnelle Wlan fehlt zum Versenden der Korrespondenz oder Blogbeitrag erstellen, folgt eine Hürde auf die nächste Hürde. Sicher sind wir – als Zwitterwesen – oft auch zu wenig konsequent in unseren Absichten. Würden wir mehr arbeiten wollen, läge unser Fokus noch mehr auf der Logistik. Doch es sind dann doch die natursatten Plätze, die uns reizen, deren Inspiration wir suchen. Und da gibt’s halt nicht immer Netz.

So, und da sitz ich dann im Bus, frag mich, was ich da tue und vor allem, was ich da denke. Wieviel leichter wäre es doch, eine Lebensform zu wählen, die sich nicht jeden Tag hinterfragen muss, weil sie so wenig Vorbilder hat, sondern einfach damit erklärt ist, weil es alle tun. Und weil es den Kopf und die Zeit so schön füllt, damit man nicht solche gedanklichen Eskapaden unternimmt.

Aber dann ist er auf einmal wieder da, der Moment, an dem ich es weiß. Ich mich freue, dass ich vorreiten kann, mir egal ist, dass wir keine Gleichgesinnten finden, ich mich nicht vergleichen muss mit anderen Reisenden und deren Antrieb und Tun. Der Moment, an dem alles passt und ich weiß, warum ich gern unterwegs bin. Dann muss nicht unbedingt die Kulisse grandios sein, das kann auch neben einer Baustelle passieren. Da berührt mich irgendetwas, macht mich weich, offen und integriert mich. Dann ist das Nadelöhr riesig, der Berg bestiegen.

Wenn dann noch Frösche quaken, Grillen zirpen, Vögel in den Abendhimmel zwitschern, ein Schwein grunzt, ich in Berge, auf einen See, in die Landschaft schaue, dann zieh ich die Decke um mich näher und krieche friedlich in mein mitgebrachtes Bett. Und weiß, dass es nichts Tolleres gibt, als sich diese Zeit zu nehmen, um nicht daheim zu sein.

Das war viel Innenleben, ja, aber der Mailverkehr mit Sven hat gezeigt, wir müssen (naja, zumindest könnten wir) deutlicher machen, was uns umtreibt und erklären, wieso es manchmal schwierig ist, aus der alltäglichen Stellplatzsuche und den vielen profanen lebenserhaltenden Begleitumständen einen interessanten und inspirierenden Beitrag zu formulieren. Und sei es nur alle 3 Wochen. Weil ich damit beschäftig bin, meine Motivation zu untersuchen, ich mit Stimmungen kämpfe (am Ende sind's doch einfach die Hormone?) oder mit Logistik, die nicht funktioniert. Und damit wir nicht den Anschluss im Blog verlieren – denn die Stellplätze wollen wir ja nach wie vor alle dokumentieren – mache ich dann einfach "nur" die (vielen, weil häufig wechselnden) Platzeinträge, sortiere die Fotos und sehe zu, dass man "uns folgen" kann. Aber natürlich bleibt da für euch als Leser der Erkenntnisreichtum auf der Strecke.

Aber dennoch wird der Blog auch immer ein Spiegel dieser Umstände sein. Ein Zwischenwesen wie wir, kein richtiges Tagebuch, kein richtiger Stellplatzführer, kein richtiger Blog im Sinne relevanter inhaltlicher Betrachtungen, kein richtiger Reiseführer, kein richtiger Fotoblog. Aber vielleicht könnt ihr dennoch manchmal hinter die Redundanz blicken, interpretieren, auch was zwischen den (ungeschriebenen) Zeilen steht.

In unseren Geschichten wollen wir weiterhin versuchen, uns nicht zu wiederholen, auch wenn es unsere Tage oft sind. Spannend zu erzählen, auch wenn es zwischendurch ereignislos ist. Von uns zu berichten, wie es uns geht, auch wenn wir das manchmal schwer in Worte fassen können, weil wir es grad nicht blicken oder noch nicht durch's Nadelöhr sind.
So sei es, darauf ein fröhliches Halleluja. Und schönen Sonntag!

3 Comment

  1. Anton says: Antworten

    Danke dafür. Ich dachte echt nicht, dass man beim Reisen ein schlechtes Gewissen haben kann. Ich sage: müsst ihr nicht! Streunt weiter! LG, Anton

    1. hessenorhelladmin says: Antworten

      Danke 🙂

  2. schön, daß meine gedanken bei euch angekommen sind – und danke der ehre persönlicher nennung! mir ist übrigens komplett egal ob ihr nun streuner, lustreisende, sucher oder finder, hedonisten oder asketen seid. es gibt so viele wege sein leben zu leben… schön, wenn ihr mich daran teilhaben laßt, was euch im inneren bewegt! liebe grüße, sven

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