Adria Hinterland

Nach 4 Nächten auf La Tesa, hoch über dem Iseosee, kippt das Wetter. Unserem Plan folgend, schlechtem Wetter aus dem Weg zu fahren (für Regenwetter ist der Bus dann doch zu klein), schlage ich einen Eso-Hippie-Bauernhof-Campingplatz bei Bari am Ende der Stiefelhacke Italiens vor. Elle sagt, es hackt (Tatar) und so schraube ich die Ambitionen etwas runter (bzw. höher, also nördlicher) und schaue, was auf halbem Weg liegt. Ancona –, immer noch 500 km, aber das Wetter scheint okay. 

Birgit hatte mir empfohlen, im Netz unter „Agriturismo“, was so viel heißt wie „Ferien auf dem Bauernhof“, Stellplätze zu suchen. Ein guter Tipp, auf Agriturismo.it finden sich viele Zimmerangebote, man kann aber keine Bauernhöfe mit Stellplätzen rausfiltern. Deswegen geb ich „Bio“, „Camping“ und „Stellplatz“ ein und den Ort, wo ich hin will, und schon landet man wieder auf der deutschen Seite von Agriturismo.it. Funzt, denn das versteh ich dann auch.

Der vorgeschlagene Hof liegt in den Marken, etwas vor Ancona, direkt bei Senigallia, etwa 5 km im Hinterland. Elle quiekt, sie war vor 37 Jahren schon mal in Senigallia und wir nehmen das als gutes Omen. Die ganze Küste ist ab Rimini eine Abfolge von in die Tage gekommenen Bettenburgen mit 80er Jahre Flair, vielleicht doch nicht so eine topp Idee, hierher zu fahren.

Etwa 500 m hinter der Küste steigt das Land sanft an und nach einem Kilometer ist man in einer anderen Welt. Kleine Straßen schlängeln sich durch Olivenhaine und Felder, erste Heuballen thronen auf den Wiesen (wer braucht da schon Christo), es gibt dem Efeu paroli bietende knorrige Eichen, weiße Heckenrosen, prächtige Ginsterbüsche und aus Feldstein gemauerte Höfe. Unser Ziel, der kleine Hof Vecchio Scornabecco, schmiegt sich an einen Hügel und leuchtet rot in der Abendsonne. Niemand erwartet um diese Jahres- und Uhrzeit Gäste. Deswegen ist der Hund ganz nervös, der Pool noch nicht voll und die WCs müssen noch aufgehübscht werden, – aber man ist herzlich, bietet uns den kompletten Garten, wir können uns einen sauber gesäumten Platz mit dicht gesätem saftigen Gras aussuchen, 180 Grad-Blick inklusive, anders geht's hier gar nicht. Man sieht bis zum Meer und tief ins Landesinnere.  Auf dem gegenüberliegenden Hügel sitzt ein kleiner Ort (den Elle ab dem Zeitpunkt zur Sicherheit alle 30 Minuten fotografiert, da er womöglich wegfliegen könnte), in Abendlicht getaucht, die Turmuhr schlägt gemütlich.

Schnell noch Verpflegung in Senigallia besorgen und bei der Gelegenheit eine Runde drehen. Wieder eine Überraschung, es summt und brummt, alles ist auf der Straße und flaniert durch die Gassen. Es wirkt nicht die Bohne touristisch. Eine Zitadelle und pittoreskes Häusergewirr geben kulturelles Ambiente, die Bars und Restaurants sind gut besucht, ältere Herren beweisen Mut zu Farbe und extravaganten Kombinationen, da kann ich mir eine Scheibe abschneiden oder wenigstens mal das Shirt wechseln.

Als es dunkel wird, sind wir wieder oben. Mit Einbruch der Nacht flackert das Licht von hunderten von Glühwürmchen um den Bus herum, die Grillen zirpen, Vögel plaudern sich in den Schlaf, manchmal mault eine Katze. Aber kein Auto, kein Flieger, kein Motorrad gibt laut. Dieser Ort zieht wirklich alle Register. 

Mal schaun, wie lange sich so viel Schönheit aushalten lässt.

1 Kommentar

  1. Gabi sagt: Antworten

    Soooo schön geschrieben, nachfühlbar und sehr liebenswert!

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