Toscana again

Letztens las ich in der Zeitung, dass man jetzt 'Reisen' statt 'Urlaub' sagt, ein bisschen zugespitzt, aber ich fühlte mich ertappt. Nicht, weil ich ein schlechtes Gewissen hätte, sondern in dem Sinne, dass man ein Klischee bedient, ohne es zu merken, während man selber bei allen anderen ja gerne mit dem Finger drauf zeigt. Hier nun ein kleiner Ausflug in die Welt der Stereotypen.

Das Podere Il Casale, das wir ansteuern, ist nur über eine Schotterstraße (= unzugänglicher Geheimtipp) zu erreichen und für seine Küche (= alles selbstproduziert und von der Oma zubereitet) und die grandiose Aussicht berühmt (= Toscana = weiche Hügel und einmaliges Licht). Am Nebentisch möchte eine amerikanische Touristin mittleren Alters (= unangenehm laut) bei einer Flasche Rotwein noch schnell die nachmittägliche Stimmung in einem Aquarell (= Italy is so awesome) einfangen. Gleichzeitig weht von irgendwo der Klang eines Saxophones (= kein Witz) über den Platz.

Wir haben gerade, weil es warme Küche nur bis 15 Uhr hat und wir lernresistent sind, kalte Käseplatte bekommen, jeder Käse wird vorgestellt, Pecorino so, Pecorino so und während der Pinsel der Aquarellmalerin über's Papier tupft, frage ich mich, wie wir aus der Schose hier rauskommen. Die Schweizer am Nebentisch mit Sportsonnenbrille und Cargohosen (= Standardoutfit von Fahrern weißer Wohnmobile 3,5t) haben nicht nur gerade noch das Menü bekommen, sondern auch den besten der Stellplätze belegt, die hinter dem Hauptgebäude und zwischen den Ställen liegen. Von da hat man keine Aussicht und es duftet ein wenig nach Ziege und das angrenzende Feld wird lautstark umgepflügt, trotzdem awesome nehme ich an. Vermutlich ärgert mich am meisten, dass ich mir sicher war, hier könne man gut übernachten und es keinen Plan B gibt und es nur noch zwei Stunden hell ist und wir schon viel länger als geplant unterwegs sind und Elle sogar bleiben würde.

Es muss eine Alternative geben, sonst muss ich den Aquarellblock zerreißen und gegen das Mäuerchen treten, welches die Terrasse (mit dem in der Tat atemberaubenden Blick) umgibt.

Doch vielleicht haben die alten Götter dieser wunderbaren Gegend einen gönnerhaften Moment – denn Rettung ist nahe: nur wenige 100m entfernt liegt ein weiterer Platz, den ich auf der Karte glatt übersehen hatte.

Podere dell'Albergo
via del Borghetto 41
53026 Pienza SI

Hier ist das Klischee wenigstens so, wie ich es mir wünsche. Wir holen den Bauern vom Trecker, kaufen selbstgemachte zweifelhafte Weine und vor Begeisterung noch Öl und Sekt. Man steht oberhalb eines Weinbergs und lässt sich von toskanischem Licht durchdringen, während man ins weite Land schaut. Ja man möchte geradezu einen Aquarellblock zur Hand haben. Die Ferkel quieken und der Eber im Stall hinter uns knirscht nachts mit den Zähnen, Esel, Hühner, Hase und Pferd sind auch da und die zwei Hunde kommen immer mal wieder zu Besuch, um nach dem Rechten zu sehn.

Der Unterschied zwischen den beiden Orten ist in etwa so groß wie zwischen Urlaub und Reisen befürchte ich. Immerhin, wieder was über sich selbst gelernt.

Sonnenuntergang 18:38, Sonnenaufgang 7:32.

Und weiter geht's. Noch einen Capucchino in Lucignano, dann nächster Halt in ...

... Fattoria La Vialla, nördlich von Arezzo in Castiglion Fibocchi. Apropos Klischee und Stereotypen.

La Vialla ist ein spezieller Ort. In den 70er Jahren als renovierungsbedürftiger Bauernhof von einer Familie mit drei Söhnen gekauft, die beschloss, ohne Vorkenntnisse biodynamische Landwirtschaft zu betreiben. Leider mussten sie bald feststellen, dass es in Italien keinen Markt für ihre Produkte gibt. Dafür in Deutschland, da wurden die Hippies gerade zu Lehrern und kauften in der Toscana die alten Weingüter auf, um Selbsterfahrung und Olivenernte unter einen Hut zu bringen. Alles was aus Norditalien kam, war Heilsbringer und die Francos clever genug, mit empathischem Marketing (auf Naturpapier gedruckte dicke Kataloge, die wie von den Mitarbeitern handgeschrieben und gemalt wundersame Geschichten aus dem italienischen Traumland erzählen) den deutschen Bildungsbürgermarkt im Laufschritt zu erobern. So ist es heute Europas größte Demeter-Anbaufläche, erledigt den kompletten Absatz via Versandhandel, bietet Urlaub in kleinen Landhäusern rund um die Fattoria, lädt selbstredend zur Olivenernte mit Gruppenerfahrung und hat vor Ort ein kleines Erlebnis-Shopping kreiert. In Italien kennt La Vialla immer noch niemand, in Süddeutschland jeder zweite.

Unser Widerstand sinkt, denn die Preise sind mehr als fair, der Wein und das Mittagsmenü schmecken, die Mitarbeiter sind beschwingt, können alle deutsch und italienisch, und die badische Sommeliere zuckt nicht mit den Augenbrauen, als ich mich mit meinen Fragen als Weinbanause oute. Das Anwesen ist bestens organisiert, es gibt Führungen, man bekommt Weidenkörbe, in die man seine Waren aus dem Shop hineinpacken kann und wenn die Besucher (95% deutsche Lehrer im Ruhestand) mit Kisten voller Wein aus dem Lager kommen, werden sie mit Elektrowägelchen zu ihren Autos gebracht. Als letztes Zeichen des Widerstands nehmen wir kein Weidenkörbchen, laufen ohne Führung durchs Gelände und tragen unsere Einkäufe zu Fuß zum Wagen. Viva la Revolution!

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